Insomnische Störung (Ein- & Durchschlafstörungen)
Insomnische Störung ist die häufigste Schlafstörung mit anhaltenden Ein- und/oder Durchschlafstörungen, die zu erheblicher Beeinträchtigung der Tagesbefindlichkeit und Lebensqualität führen.
Was ist insomnische Störung?
Insomnische Störung (ICD-11: 7A00) bezeichnet anhaltende Ein- und/oder Durchschlafstörungen, die mindestens 3-mal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten auftreten. Entscheidend ist, dass ausreichend Gelegenheit zum Schlafen besteht, aber die betroffene Person dennoch nicht schlafen kann.
Die chronische insomnische Störung ist häufig mit Hyperarousal (Übererregung) verbunden – das Gehirn bleibt auch nachts in einem Zustand erhöhter Aktivität. Dies zeigt sich in:
- Erhöhter physiologischer Aktivierung (Herzfrequenz, Körpertemperatur, Cortisol)
- Kognitiver Überaktivität (Grübeln, Sorgen, gedankliches Kreisen)
- Emotionaler Anspannung und Schlafangst
Wichtig: 40–50% der Betroffenen haben eine komorbide psychiatrische Störung, v.a. Depression oder Angststörungen. Die insomnische Störung kann Ursache, Folge oder unabhängige Begleiterkrankung sein.
Einschlafstörungen
Einschlafdauer > 30 Minuten trotz Müdigkeit
Durchschlafstörungen
Häufiges nächtliches Erwachen mit Schwierigkeiten wieder einzuschlafen
Früherwachen
Erwachen 2+ Stunden vor gewünschter Zeit ohne Wiedereinschlafen
Formen der insomnischen Störung
Primäre (idiopathische) insomnische Störung
Ohne erkennbare äußere Ursache – häufig verbunden mit erlernten ungünstigen Schlafgewohnheiten und konditionierter Schlaflosigkeit
Sekundäre insomnische Störung
Verursacht durch:
- • Psychiatrische Erkrankungen (Depression, Angststörungen, PTBS)
- • Medizinische Erkrankungen (Schmerzen, COPD, Herzinsuffizienz)
- • Medikamente oder Substanzen (Koffein, Alkohol, Kortison)
- • Andere Schlafstörungen (Schlafapnoe, RLS)
Akute insomnische Störung
Kurzfristig durch belastende Lebensereignisse (Stress, Trauer, Reisen) – Dauer < 3 Monate
Symptome & Folgen
Nachtsymptome
- Einschlafschwierigkeiten (> 30 Min.)
- Häufiges nächtliches Erwachen
- Frühes morgendliches Erwachen (typisch bei Depression)
- Nicht erholsamer, oberflächlicher Schlaf
- Grübeln und gedankliches Kreisen
- Angst vor dem Nicht-Einschlafen-Können
Tagessymptome
- Müdigkeit, Erschöpfung, Energieverlust
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
- Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen
- Leistungsminderung im Beruf
- Beeinträchtigung sozialer Aktivitäten
- Erhöhtes Unfallrisiko
Langfristige Gesundheitsrisiken
- Psychiatrisch: Erhöhtes Risiko für Depression, Angststörungen, Substanzmissbrauch
- Kardiovaskulär: Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfall
- Metabolisch: Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes, Gewichtszunahme
- Immunsystem: Erhöhte Infektanfälligkeit
Diagnostisches Vorgehen
1. Ausführliche Anamnese
- Schlafmuster, Einschlaflatenz, Durchschlafprobleme
- Erfassung von Auslösern und aufrechterhaltenden Faktoren
- Medikamenten- und Substanzanamnese
- Psychiatrische und somatische Komorbiditäten
2. Schlaftagebuch (1–2 Wochen)
Tägliche Dokumentation von:
- Zu-Bett-Geh-Zeit und Einschlafdauer
- Nächtlichen Wachphasen
- Aufwachzeit und subjektiver Schlafqualität
- Tagesmüdigkeit und Nickerchen
3. Fragebögen & Scores
- Insomnia Severity Index (ISI): Schweregrad der insomnischen Störung
- Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI): Schlafqualität
- Depression/Angst-Screening: PHQ-9, GAD-7
4. Polysomnographie (nur bei Verdacht auf andere Schlafstörungen)
Bei chronischer insomnischer Störung in der Regel nicht notwendig. Indiziert bei:
- Verdacht auf Schlafapnoe oder periodische Beinbewegungen
- Therapieresistenz trotz adäquater Behandlung
Therapie: Kognitive Verhaltenstherapie für insomnische Störung (CBT-I)
CBT-I ist die Therapie der ersten Wahl bei chronischer insomnischer Störung – empfohlen von allen internationalen Leitlinien.
Sie ist der medikamentösen Therapie langfristig überlegen und zeigt eine Erfolgsrate von 70-80% ohne Nebenwirkungen oder Abhängigkeitsrisiko.
1. Psychoedukation & Schlafhygiene
Vermittlung von Wissen über Schlafphysiologie und gesunde Schlafgewohnheiten:
- Regelmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten (auch am Wochenende)
- Schlafzimmer: dunkel, kühl (16-19°C), ruhig, nur für Schlaf und Intimität
- Koffein-Karenz ab 14 Uhr, Alkoholverzicht 3-4h vor dem Schlafen
- Kein intensiver Sport 2-3h vor dem Schlafen
- Keine Bildschirme 1h vor dem Schlafen (Blaulicht unterdrückt Melatonin)
2. Stimuluskontrolle
Wiederherstellen der Assoziation: Bett = Schlaf
- Nur bei Müdigkeit ins Bett gehen
- Bei Wachliegen >15-20 Min.: Aufstehen und Raumwechsel
- Keine aktivierenden Tätigkeiten im Bett (Smartphone, Grübeln)
- Entspannte Aktivitäten (Lesen, Musik) bis Müdigkeit einsetzt
- Kein Tagesschlaf/Nickerchen
3. Schlafrestriktion
Kernstück der CBT-I: Vorübergehende Verkürzung der Bettzeit zur Erhöhung des Schlafdrangs und Konsolidierung des Schlafs.
- Ermittlung der tatsächlichen Schlafzeit aus Schlaftagebuch
- Bettzeit = durchschnittliche Schlafzeit + 30 Min. (mind. 5h)
- Bei Schlafeffizienz >85%: Verlängerung der Bettzeit um 15-30 Min.
- Feste Aufstehzeit (essentiell für zirkadianen Rhythmus)
4. Entspannungstechniken
Reduktion des Hyperarousal und Vorbereitung auf den Schlaf:
- Progressive Muskelentspannung (PMR): Systematisches An- und Entspannen der Muskelgruppen
- Atemübungen: 4-7-8-Technik, Bauchatmung
- Biofeedback: Visualisierung physiologischer Parameter
- Meditation & Achtsamkeit: Gedankliche Distanzierung
5. Kognitive Umstrukturierung
Identifikation und Veränderung dysfunktionaler Gedanken über Schlaf:
- „Ich brauche 8 Stunden Schlaf, sonst bin ich nicht leistungsfähig"
- „Wenn ich nicht schlafe, wird morgen alles schiefgehen"
- Katastrophisierung der Schlaflosigkeit reduzieren
- Realistische Erwartungen an Schlaf entwickeln
Medikamentöse Therapie
Wichtig: Medikamente sollten nur als kurzfristige Überbrückung (max. 4 Wochen) oder bei therapieresistenter insomnischer Störung eingesetzt werden. CBT-I ist langfristig überlegen.
- • Wirksam, aber: Abhängigkeit, Toleranzentwicklung, Rebound-Insomnie
- • Nur kurzzeitig (max. 2-4 Wochen) bei schwerer Beeinträchtigung
- • Retardiertes Melatonin bei Einschlafstörungen (v.a. >55 Jahre)
- • Geringes Nebenwirkungsprofil, kein Abhängigkeitspotenzial
- • Mirtazapin, Trazodon bei komorbider Depression
- • Sedierender Effekt, aber Gewichtszunahme möglich
- • Neue Substanzklasse ohne Abhängigkeitsrisiko
- • Gut verträglich, für Langzeittherapie zugelassen
Therapieplan im Schlafzentrum Wien
Unser Therapieplan nach Pramsohler ist ein 10-tägiges strukturiertes CBT-I-Programm:
- 990€ für komplettes Programm inkl. Einführungsseminar
- Schlafhygiene-Schulung & Entspannungstechniken (Biofeedback, PMR)
- Schlafrestriktion & Stimuluskontrolle mit individueller Anpassung
- Kognitive Umstrukturierung & individuelle Einzelgespräche
- 90% Erfolgsrate – signifikante Verbesserung bereits nach 10 Tagen